Gesundes Altern

„Wer ist der alte Mann im Spiegel?“

23.06.2026

Im Altern erleben viele eine Entfremdung vom eigenen Körper, der unvermittelt als fremdes Objekt entgegentritt. Das eigene Empfinden hinkt dem realen körperlichen Alter hinterher. Im Laufe des Alterns entwickeln sich zahlreiche organische Veränderungen, in deren Folge Erkrankungen auftreten können. Durch eine generell höhere Aktivität des sympathischen Nervensystems und einen höheren Spiegel der Stresshormone kommt es beispielsweise zur Erhöhung des Blutdrucks und einer schlechteren Anpassungsfähigkeit an Stress. Negativer Stress wird schneller empfunden und die Stressreaktion klingt langsamer ab. Durch niedrigere Spiegel der Sexualhormone nimmt die Libido und die Muskelmasse ab und das Risiko für depressive und kardiovaskuläre Erkrankungen steigt. Spezifische Veränderungen der Aktivität des Immunsystems führen zu einer erhöhten Infektanfälligkeit. Schließlich entstehen durch eine reduzierte Dichte der grauen und weißen Substanz des Gehirns, vor allem in den für das Denken und die Gedächtnisleistung relevanten Hirnarealen, kognitive Einschränkungen.

Sinnvolle und naheliegende Strategien, wie die Einstellung eines erhöhten Blutdrucks, die Behandlung erhöhter Blutfettwerte, eventuelle Hormonsubstitution, körperliches Training, Impfungen und das Training der Gedächtnisleistung sind daher sinnvoll. Eine möglichst aktive Lebensführung, die Intensivierung wichtiger sozialer Bindungen und die Aneignung eines neuen Rollenverständnisses in der Gesellschaft haben vorbeugende Bedeutung gegen Erkrankungen.

Sogenanntes erfolgreiches Altern zeichnet sich dann durch einen hohen Funktionsstatus und ein geringes Risiko für Krankheiten aus. Gesundes Altern wird allerdings mit dieser Betrachtung alleine, zu einer Frage der persönlichen Anstrengung und des persönlichen Scheiterns. Die belastenden Facetten des Alterns, z.B. langsamere Lernfähigkeit, laufen dadurch Gefahr tabuisiert zu werden.

Es gilt deshalb, auch die Werte, die sich in diesem Lebensabschnitt besonders entfalten können hervorzuheben, etwa Gelassenheit oder Wissen und Werte an Jüngere weiterzugeben, um so die Lebensqualität der Langsamkeit zur Entfaltung zu bringen. Die Langsamkeit kann dem Alter ein eigenes Gesicht und Würde verleihen. Die Sinneswahrnehmung wird verfeinert, wenn die Zeit ist, Eindrücke wirken zu lassen. Die Langsamkeit ermöglicht auch eine Hinwendung zu hilfreichen, tröstenden und bestätigenden Erfahrungen, die helfen können, die Entfremdung zu überwinden.

Bleiben Sie gesund!

Ihr Dr. Eberhard Beetz
Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am St. Vinenz Hospital in Brakel

 

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