Entzündung kennt keine Schubladen

Es gibt Krankheiten, über die wir erstaunlich schnell urteilen. Adipositas gehört dazu. Kaum fällt das Wort, scheint für viele die Diagnose bereits festzustehen: zu viel gegessen, zu wenig bewegt. Fertig. So einfach wäre Medizin manchmal gern. Die Wirklichkeit ist zum Glück oder leider deutlich komplizierter.

03.08.2026

Adipositas ist keine Charakterschwäche. Sie ist eine chronische Erkrankung. Und sie betrifft weit mehr als nur die Zahl auf der Waage oder die Belastung für Knie und Hüfte. Fettgewebe ist nämlich kein passiver Ballast, sondern ein erstaunlich aktives Organ. Es produziert Botenstoffe, die Entzündungen im Körper verstärken können. Aus diesem Grund lohnt sich auch in der Rheumatologie ein genauer Blick auf das Körpergewicht.

Rheumatische Erkrankungen beruhen auf fehlgeleiteten Entzündungsprozessen. Wenn zusätzlich entzündungsfördernde Signale aus dem Fettgewebe hinzukommen, ist das ungefähr so, als würde jemand ständig Holz ins Feuer legen. Die Folge: mehr Schmerzen, eine höhere Krankheitsaktivität und manchmal auch Therapien, die weniger gut wirken als erhofft.

Dennoch wird das Thema Gewicht häufig eher moralisch als medizinisch diskutiert. Das ist ungefähr so sinnvoll, als würde man Bluthochdruck mit dem Hinweis behandeln, der Patient solle sich einfach weniger aufregen. Natürlich spielen Ernährung und Bewegung eine Rolle. Aber eben nicht als Frage der Willenskraft, sondern als Teil einer komplexen Erkrankung, die biologische, genetische, psychische und soziale Ursachen hat.

Die gute Nachricht ist: Entzündungen lassen sich beeinflussen. Bereits fünf bis zehn Prozent weniger Körpergewicht können Beschwerden lindern und den Erfolg einer rheumatologischen Behandlung unterstützen. Dabei geht es nicht um Perfektion und schon gar nicht um den nächsten Diättrend. Es geht um nachhaltige Veränderungen, die zum Leben passen.

Auch Bewegung gehört dazu. Viele Menschen mit Rheuma schonen sich aus Angst vor Schmerzen. Das ist verständlich, aber oft nicht hilfreich. Muskeln sind die besten Verbündeten unserer Gelenke. Wer sich regelmäßig bewegt, stärkt nicht nur seine Muskulatur, sondern wirkt Entzündungen häufig direkt entgegen. Niemand muss dafür Marathon laufen. Ein Spaziergang, eine Runde Radfahren oder Wassergymnastik reichen oft schon aus, um den ersten Schritt zu machen.

Vielleicht brauchen wir deshalb vor allem einen Perspektivwechsel. Weniger Vorurteile, mehr Wissen.; weniger Schuldzuweisungen, mehr Medizin. Denn Entzündungen interessieren sich nicht für Schubladen. Sie folgen biologischen Regeln. Unsere Behandlung sollte das ebenfalls tun.

Bleiben Sie gesund!

Ihr Dr. Michail J. Govorov
Chefarzt der Klinik für Rheumatologie am
St. Vincenz Hospital in Brakel

 

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